Vernetzte Visionen verwirklichen, 3. bis 4. Mai 2016 in Berlin, Langenbeck-Virchow-Haus
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31.03.2021

Wie normal ist digital – und wo?

Digitalisierung in Krankenhäusern und in der Flächenversorgung

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen macht viele Fortschritte, doch zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist noch Platz: Während innerhalb einzelner Krankenhäuser und Praxen Erfolge mit digitalen Akten, Robotics oder Betten- und Gerätetracking verzeichnet werden, rattert in den Praxen der Niedergelassenen noch alle paar Minuten der gute alte Nadeldrucker.

Papierlose Praxis bis zur Praxistür

Die papierlose Praxis reiche exakt bis zur Praxistür, berichtet Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Virchowbundes. Als flexible Einzelunternehmer seien die Ärztinnen und Ärzte zwar sehr offen für digitale Innovationen, doch sobald Informationen über oder für einen Patienten die eigenen Räumlichkeiten verlassen sollten, träfe man immer noch auf eine durch und durch analoge Welt, in der digital nur schlecht funktioniere. Ein E-Rezept sei zwar gut und schön, doch bringe es bislang wenig Nutzen, da es weiterhin stets ausgedruckt würde, um technischen Schwierigkeiten vorzubeugen: ein fehlerhaftes Dokument, ein inkompatibles Dateiformat, Probleme mit dem Netzbetreiber, Smartphone-Akku leer – die Liste der Dinge, die mit einem E-Rezept unterwegs schiefgehen können, ist lang. Deswegen verzichte kaum eine Praxis auf den Ausdruck. Eine Erleichterung durch die digitalen Formate ist damit für die Anwendenden kaum gegeben.

Kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem

Das Universitätsklinikum Essen hat sich bereits 2015 auf den Weg zum Smart Hospital gemacht. 2018 hat hier die digitalisierte Zentrale Notaufnahme eröffnet. Prof. Jochen A. Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Klinikums berichtet von guten Erfahrungen, die man hier unter anderem mit Virtual und Augmented Reality, einem digitalen Diabetes-Screening sowie Kooperationen mit Digital Health-Start-Ups mache. „Medizinische Daten sind der digitale Kraftstoff der Zukunftsmedizin“, befindet Werner, und mahnt Tempo an: „Datenflüsse zwischen den Stakeholdern müssen schnell und umfänglich stattfinden. Wir suchen da immer nach der großen Lösung, die für alle gilt.“ Dies sei aber unrealistisch, weswegen er Einzellösungen bevorzuge: „Damit etwas passiert.“ Deutschland habe in Sachen Digitalisierung schon seit vielen Jahren kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. „Der Anschluss an die Weltspitze ist verloren gegangen“, so Werner. Die Defizite bei der Medizin seien dabei nur Symptome einer tieferliegenden Schwäche: Es fehle hierzulande an Technologiefreundlichkeit und Geschwindigkeit – auch in Bezug auf neue Herausforderungen wie den Klimawandel.

Die Zukunft der elektronischen Patientenakte

Für die Zukunft wünschen sich beide Mediziner nicht manipulierbare elektronische Fallakten, die alle relevanten Daten enthalten. Mit einer solchen Fallakte könnte der Patient selbst individuelle Zugriffsrechte gewähren. So wären etwa Kooperationen zwischen behandelndem Personal im Krankenhaus und dem jeweiligen Hausarzt leichter möglich. Bei digitalen Steuerungsplattformen müsse es darum gehen, die Anliegen der Patientinnen und Patienten ebenso wie die der Mitarbeitenden in den Fokus zu nehmen, so Werner. Am Klinikum Essen wolle heute niemand mehr die digitale Akte gegen Papiersuchaktionen und doppelte Anamnesen tauschen.

Heinrichs Traum ist es, die Daten aus den digitalen Akten, die häufig als PDFs vorliegen, mithilfe von KI zu integrieren und zusammenzuführen. „Und dass irgendwann der Entlassbrief aus dem Krankenhaus vor dem Patienten bei mir eintrifft. Der Brief schafft es nämlich oft gar nicht bis zu mir, weil der dann zuhause auf dem Tisch liegen bleibt“, fügt er schmunzelnd hinzu.

Kontaktinformationen

Das neue Normal – digital? Trends der Digitalisierung und Bezug zur Versorgung

Prof. Dr. Jochen A. Werner
Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender am Universitätsklinikum Essen
www.uk-essen.de

Dr. Dirk Heinrich
Bundesvorsitzender des Virchowbundes – Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands e. V., Berlin
www.virchowbund.de

Moderation

Tomas Pfänder
Gründer und Vorstand der UNITY AG, Büren
www.unity.de

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