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31.03.2021

Screen statt Wartezimmer

Die Videosprechstunde – gekommen, um zu bleiben?

Im Zuge der Corona-Pandemie führten viele niedergelassene Ärzte kurzfristig Videosprechstunden ein. Wie waren die Erfahrungen? Und wird sich diese Art der Behandlung auch nach der Pandemie durchsetzen?

Das Wartezimmer der Internistin Dr. Alice Lange blieb im März und April 2020 weitgehend leer. Aufgrund der Corona-Pandemie sagten viele Patienten die Termine in ihrer diabetologischen Schwerpunktpraxis ab. Um ihnen weiterhin eine engmaschige Betreuung anzubieten, führte die Internistin ergänzende Videosprechstunden ein.

Befundbesprechungen und Follow-ups per Online-Konsultation

Während der Erstkontakt noch immer persönlich erfolgte, eignen sich die Videotermine ihrer Erfahrung nach besonders für Laborbesprechungen oder Follow-ups. Viele Patienten berichteten ihr, dass sich die Termine besser mit beruflichen und familiären Pflichten vereinbaren lassen als ein persönlicher Arztbesuch. Für die Praxisorganisation habe es sich bewährt, Zeitblöcke für die Videosprechstunde zu reservieren. Doch es gibt auch Fälle, die Alice Lange nicht für eine Besprechung per Videocall geeignet hält, beispielsweise das Besprechen schwerer Befunde. Auch Schulungen hält das Praxisteam weiterhin vor Ort ab.

Akzeptanz stark gestiegen

Wie stark die Videosprechstunde in Zeiten der Corona-Pandemie an Akzeptanz gewonnen hat, zeigt Prof. Konrad Obermann, Forschungsleiter der Stiftung Gesundheit anhand der Studie Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit 2020: Während im Jahr 2017 noch 60 Prozent der befragten Ärzte Videosprechstunden ablehnten, setzten sie im Jahr 2020 bereits 60 Prozent von ihnen ein. Weitere zehn Prozent gaben an, dass sie sich Videosprechstunden gut vorstellen können.

Therapeuten sehen Vorteile

Dabei zeigen sich besonders Psychiater und Psychologen überzeugt von den neuen Möglichkeiten. Patienten mit sozialen Phobien ließen sich durch die Videosessions sogar besser behandeln als in der Präsenzsprechstunde, erwähnten einige in der Befragung. Auch Hausärzte berichteten, dass eine engmaschigere Betreuung der Patienten durch die Videosprechstunde möglich sei, sie also Vorteile gegenüber der konventionellen Behandlung biete. 75 Prozent der Befragten gaben an, dass sie die Videosprechstunde auch über die Pandemie hinaus nutzen möchten – das legt den Schluss nahe,  dass es sich nicht um ein temporäres Phänomen handelt.

Persönliches Gespräch bleibt Gold-Standard

Thomas Müller, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe in Dortmund, bestätigt den Boom, den die Videosprechstunde durch die Corona-Pandemie erlebte. Durch die Aussetzung der Regelung, dass Videosprechstunden maximal 20 Prozent des Gesamthonorars eines Arztes ausmachen dürfen, sowie eine Anschubfinanzierung lohne sich das Angebot für Ärzte auch finanziell. Nun gehe es um die nachhaltige Akzeptanz bei Ärzten und Patienten. Wenn sie die Videosprechstunde als sinnvolle Ergänzung zu persönlichen Gesprächen akzeptieren, dann werde sie sich auch in Post-Corona-Zeiten durchsetzen. Das persönliche Gespräch bleibe allerdings der Gold-Standard.

Kontaktinformationen

„Die Videosprechstunde 2021 – Gekommen, um zu bleiben?“

Dr. Alice Lange, Fachärztin für Innere Medizin und Diabetologie
Klinik Maingau vom Roten Kreuz
www.rotkreuzkliniken.de 

Prof. Dr. Dr. Konrad Obermann
Professor an der Steinbeis-Hochschule, Berlin
Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Mannheimer Instituts für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin (MIPH) der Universität Heidelberg
www.konrad-obermann.de 

Thomas Müller
Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe
www.kvwl.de

Moderation

Holger Trachte
Referent im Gesundheitsmanagement der BERLIN-CHEMIE AG, Schwerte
www.berlin-chemie.de

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