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26.04.2021

Mehr als nur ein geteiltes Büro

Interprofessionelle Zusammenarbeit in der Patientenversorgung

Interprofessionelle Netzwerke im Gesundheitswesen sind eine Möglichkeit, dem gesellschaftlichen Wandel zu begegnen. Warum sind sie für die Patientenversorgung so wichtig und funktionieren so erfolgreich? 

Um das Thema „Interprofessionelle Zusammenarbeit im Gesundheitswesen“ und deren Herausforderungen kommt eine sich zunehmend wandelnde Gesellschaft nicht herum. Angehörige unterschiedlicher Berufsgruppen mit unterschiedlichen Spezialisierungen, beruflichen Selbst- und Fremdbildern, Kompetenzbereichen oder Tätigkeitsfeldern arbeiten zunehmend in der Patientenversorgung zusammen, mit dem Ziel, dass jeder die eigenen Kompetenzen im Sinne einer hochwertigen Versorgung einbringt. Grundlage für solche funktionierenden Netzwerke sind eine gute Kommunikation und gegenseitige Wertschätzung. Was aber bedeutet das, wenn verschiedene Akteure wie Pflegedienste, Arztpraxen und Krankenversicherungen involviert sind?  

Zunehmende Diversität der Patienten 

Definitiv sei interprofessionelle Zusammenarbeit mehr, als sich nur ein Büro zu teilen, sagt Sozialwissenschaftlerin Eva-Maria Beck, die als Gastprofessorin an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin den Bachelorstudiengang Interprofessionelle Gesundheitsversorgung leitet. Es sei zudem kurz gegriffen, mit gesellschaftlichem Wandel nur eine alternde Gesellschaft zu verbinden. „Es ist mehr als eine Verschiebung der Alterspyramide und mehr als der demografische Wandel, der dazu führt, dass wir eine erweiterte Lebenserwartung haben.“ Ein mindestens ebenso wichtiger Aspekt sei die zunehmende Diversität der Patientinnen und Patienten: So habe etwa der Anteil der Patienten mit Migrationshintergrund unter anderem durch Bürgerkriegsgeschehen und Klimakatastrophen in den zurückliegenden Jahren zugenommen.  

Traditionelle Strukturen lösen sich auf 

Auch werde die Schere der sozialen Ungleichheit immer größer, ebenso das Stadt-Land-Gefälle, das zu Versorgungsengpässen in ländlichen Regionen führe. Und, so Eva-Maria Beck: „Traditionelle Familienstrukturen und damit die damit verbundenen sozialen Netze werden aufgelöst.“ Zudem bestehe ein Fachkräftemangel speziell in den pflegenden Berufen, parallel gab es in den zurückliegenden knapp 25 Jahren eine Reihe von Neuordnungs- und Reformgesetzen im Gesundheitswesen.  

Eine Vielzahl von Akteuren 

All das erfordere das effektive Zusammenarbeiten einer Vielzahl von Akteuren in Netzwerken. Wie dies mit Hilfe eines professionellen Case-Managements als Schnittstelle funktionieren kann, schildert Christina Möllmann, stellvertretende Geschäftsführerin der Praxisnetz Herzogtum Lauenburg Management GmbH, am Beispiel der Versorgung des Diabetischen Fußsyndroms in Schleswig-Holstein. Die Akteure sind dort unter anderem diabetologische Schwerpunktpraxen, Hausärzte und Fachärzte, Podologen, Ambulante Pflegedienste sowie Orthopäden und Schuhmacher. Das Praxisnetz bietet dabei die Schnittstellen-Dienstleistung an, die weder Arztpraxen noch Pflegedienste mangels Zeit und Personal miterledigen könnten. 

Wo das Case-Management hilft 

2020 wurden in Schleswig-Holstein sieben Diabetische Fußnetze etabliert, gemeinsam mit der AOK Nordwest, der IKK Nord und der Kassenärztlichen Vereinigung. In jedem dieser Netzwerke koordinieren diabetologische Schwerpunktpraxen die interprofessionelle Zusammenarbeit. Fachlich aus- und weitergebildetes Personal mit Berufserfahrungen in Therapie und Pflege betreut das Case-Management: Krankenpfleger:innen, Ergotherapeut:innen oder Altenpfleger:innen. Im Mittelpunkt des Case Managements stünden Patient:innen, deren Compliance-Bereitschaft – die aktive Mitwirkung an therapeutischen Maßnahmen – gestärkt werden solle, betont Christina Möllmann: „Das heißt aber nicht, dass wir den Patient:innen alles abnehmen, sondern wir wollen sie in ihrem Selbstmanagement stärken.“ 

Kontaktinformationen

Entwicklungen rund um die interprofessionelle Zusammenarbeit 5.0

Eva-Maria Beck 
Leiterin des Bachelorstudiengangs Interprofessionelle Gesundheitsversorgung der Alice Salomon Hochschule Berlin 
www.ash-berlin.eu 

Christina Möllmann 
Stellvertretende Geschäftsführerin der Praxisnetz Herzogtum Lauenburg Management GmbH in Mölln 
www.pnhl.de 

Moderation 

Elke van Alen 
Zukunftsrätin von ZipT, der Zukunftsinitiative interprofessionelle Therapie, Lübeck; Leiterin des Netzwerks Kindertherapie Hamburg-West 

Gunhild Leppin, MBA 
Projektmanagerin im Gesundheitsmanagement der Berlin-Chemie AG 

 

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