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15.04.2021

Maßgeschneiderte Diabetestherapie

Mit Künstlicher Intelligenz effektiv gegen die Volkskrankheit

In Deutschland leiden aktuell rund acht Millionen Menschen an Typ-2-Diabetes. Jedes Jahr erhalten 600.000 Neuerkrankte die Diagnose – Tendenz steigend. Die Anwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) und digitaler Rechenleistung kann nachweislich zur Verbesserung der Therapie betroffener Personen beitragen. Entsprechend befinden sich die Technologien auf dem Vormarsch.  

Primäre, sekundäre und tertiäre Prävention 

Im Bereich der primären Prävention, sprich bei der Identifizierung potentieller Betroffener, spiele KI bislang jedoch keine besondere Rolle, berichtet Dr. Jens Kröger, Facharzt für Innere Medizin und Diabetologie. Obwohl Risikofaktoren wie Taillenumfang, Diabetes in der Familie, das Ausmaß körperlicher Aktivität oder der Obst- und Gemüsekonsum hinlänglich bekannt seien, fehlten in Deutschland grundsätzlich strukturierte Ansätze zur Prävention, so der Mediziner.  

Bei der der sekundären und tertiären Prävention hingegen sind KI-Technologien kaum mehr wegzudenken: Risikorechner für akute und nachfolgende Erkrankungen seien bei der personalisierten Diagnostik und der Prognose des Diabetes bald schon Standard, bestätigt Prof. Dr. Bernhard Kulzer, Geschäftsführer des Forschungsinstituts an der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim GmbH. KI-gestützte Risikorechner seien in Vielzahl vorhanden und Komplikationen könnten durch diese sehr gut eingeschätzt werden – genauso gut oder sogar besser als es Ärzten gelänge. 

Smarte Technik für passgenaue Individualtherapie 

Auch Prof. Dr. Lutz Heinemann, geschäftsführender Gesellschafter der Science-Consulting in Diabetes GmbH, erkennt das enorme Potential von KI für individuell optimal angepasste Therapien. Seine smarte Technik zur automatisierten Insulin-Dosierung (AID) berücksichtigt verschiedenste Größen, um individuelle Muster zu erkennen und die Insulinabgabe zu optimieren. So beeinflussen etwa das Ausmaß an körperlicher Bewegung, Schlaf, Menstruation oder Stress die Werte und müssen in Vorhersagemodelle integriert werden. „Wir brauchen Systeme, die uns helfen, Patienten besser zu betreuen. Und das geht nur über KI, um die Insulinzufuhr individuell und unter Einbeziehung weiterer Faktoren zu steuern“, erläutert Heinemann.  

Daten, Daten, Daten 

Um künstliche Systeme intelligent zu machen, braucht es vor allem eines: Daten. Das Sammeln und Speichern von Daten ist die Voraussetzung für alle weiteren Anwendungsoptionen. Das sei aber kein Problem, solange der Patient selbst Besitzer seiner Daten sei und diese stets eigenständig freigeben könne, befindet Kulzer. Ihm selbst die Verantwortung für die Bereitstellung der Daten zu geben, sei gerade für das Ziel einer Verhaltensmodifikation der beste Weg. Dem Patienten müsse deutlich werden, dass eine personalisierte Prognose für ihn von Vorteil sei und diese nur bei Datenfreigabe erstellt werden könne. „Dann hat der Patient einen Nutzen und dann wird er das auch tun“, ist Kulzer sicher. Auch Kröger stimmt zu: „Die Daten gehören den Menschen, die die Systeme nutzen. Das muss einer der Kernpunkte sein.“  

Wichtig sei darüber hinaus, was für den Einzelnen funktioniere, wie etwa eine bestimmte Brotsorte – dies gelte es, herauszufinden, führt Kröger aus. KI erweitert die Möglichkeiten in dieser Hinsicht erheblich, bekräftigt Heinemann. „KI ist jetzt schon ein integraler Bestandteil der Diagnostik und Therapie des Diabetes und aus der Forschung wie aus der klinischen Praxis nicht mehr wegzudenken. Das ist ein unumkehrbarer Prozess, und es ist davon auszugehen, dass KI immer stärker die Diabetologie prägen wird“, fasst Kulzer zusammen.  

Kontaktinformationen

KI-Technologien in der Diabetestherapie - Möglichkeiten und Grenzen 

Dr. med. Jens Kröger 
Vorstandsvorsitzender von diabetesDE – Deutschen Diabetes-Hilfe e. V., Berlin Niedergelassener Facharzt für Diabetologie des Zentrums für Diabetologie Bergedorf, Hamburg 
www.diabetesde.org  

Prof. Dr. Bernhard Kulzer 
Geschäftsführer der FIDAM GmbH | Forschungsinstitut an der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim 
www.diabetes-deutschland.de 

Prof. Dr. Lutz Heinemann 
Geschäftsführender Gesellschafter der Science-Consulting in Diabetes GmbH, Neuss 
https://science-co.de 

Moderation 

Dr. Winfried Keuthage 
Facharzt für Allgemeinmedizin des MedicalCenter am Clemenshospital, Münster 

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