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26.04.2021

Digital Health in der Integrierten Versorgung

Die Bedürfnisse der Patienten im Mittelpunkt

Corona sei Dank – Videosprechstunden und Apps erleben eine erste Blüte. Doch das Vertrauen muss langsam wachsen.  

Digitale Innovation trifft auf deutsches Gesundheitssystem – bisher war das ein Match, das sich eher im Verborgenen abspielte. Im Jahr der Coronakrise ist die digitale Versorgung ins Zentrum gerückt. Rund 1,6 Millionen digitale Sprechstunden wurden im vergangenen Jahr abgerechnet. Dabei sind sie erst seit 2020 Bestandteil des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenkassen. 

Corona bringt Schwung 

„Es tut sich was durch Corona“ – diesen Eindruck teilen alle drei Diskutanten auf dem digitalen Podium. Von einem unwiderstehlichen Siegeszug der digitalen Angebote wollte jedoch keiner der drei sprechen. Für die privaten Versicherer türmen sich noch formale Hindernisse auf, berichtet Katrin Berger, Abteilungsleiterin bei der debeka in Rostock. Erst letztes Jahr hätten sich die privaten Versicherer wieder in die Gematik eingeklinkt, um zu verhindern, dass die Ärzte mit zwei digitalen Plattformen kämpfen müssten. „Sie haben schon genug Schwierigkeiten mit der Telematik-Infrastruktur der gesetzlichen Krankenkassen.“ 

Datenaustausch gewünscht 

Noch keine Lösung gibt es für die Frage, wie die privaten Versicherungsarten integriert werden sollen. Das trifft nicht nur die Privatversicherer selbst, sondern auch die Beihilfe, die als separater Kostenträger jeden zweiten Privatversicherten unterstützt. Hier wünscht sich Berger einen wirklichen elektronischen Datenaustausch, anstatt nur „Rechnungen abzufotografieren.“ 

Hybrides Vorgehen 

Bei den digitalen Angeboten werden die Privaten von zwei Faktoren eingeschränkt: ihrer Finanzaufsicht und der Altersstruktur ihrer Versicherten. Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) würden von den Kontrolleuren „kritisch gesehen“ und von der Kundschaft noch kaum angenommen. Denn diese sei überwiegend älter, digitale Lösungen daher für sie noch keineswegs selbstverständlich. „Wir denken zur Zeit sehr hybrid. Versorgung muss digital und analog sein.“ 

Schleichende Innovation  

Das ähnelt den Erfahrungen bei Thieme Telecare. Seit 20 Jahren kümmert sich das Unternehmen um die telemedizinische Versorgung chronisch kranker Patienten. Ursprünglich stand dabei die telefonische Begleitung im Mittelpunkt, die frühzeitig über andere Medien wie Brief oder Fax ergänzt wurde. „35 Prozent der Patienten nutzen eine digitale Anwendung – und der Rest eben nicht“, berichtet Geschäftsführer Wolfgang Weber. Ihm sei im Zuge der Digitalisierung wichtig, die richtige Lösung für den Patienten zu bieten. Deshalb sei Thieme Telecare weiterhin  postalisch und telefonisch unterwegs. „Für die digital Affinen halten wir auch eine digitale Lösung vor.“ Diese Lösung sei so gestaltet, dass sie auch Patienten mit unterschiedlichen Erkrankungen eine sinnvolle Unterstützung bietet.  

Und nach Corona? 

Nach der Corona-Krise werde die Nutzung digitaler Instrumente erst einmal wieder zurückgehen, prophezeien die Experten. Zunächst würden die Menschen aufgeschobene elektive Eingriffe nachholen. „Aber sie haben jetzt einen Vorgeschmack bekommen, dass digitale Versorgung schneller und bequemer sein kann“, bemerkt Anne Katrin Klemm, Abteilungsleiterin Politik des BKK-Dachverbands. Viel werde davon abhängen, ob die Ärzte ihr digitales Angebot aufrechterhalten oder doch wieder alle Patienten in die Praxis beordern. Doch selbst dann würden Ärztemangel und Pflegeknappheit den Wandel erzwingen. „Das telemedizinische Versorgungsnetzwerk wird kommen, nur dann eben getragen von ausländischen Anbietern.“ Und das könne doch niemand wollen.  

Kontaktinformationen

Digital Health im Kontext integrierter telemedizinischer Versorgung

Wolfgang Weber 
Geschäftsführer der Thieme TeleCare GmbH, Stuttgart 

Katrin Berger 
Abteilungsleiterin der Debeka Krankenversicherungsverein a. G., Rostock 

Anne-Kathrin Klemm 
Abteilungsleiterin Politik des BKK Dachverbandes e. V., Berlin 

Moderation 
Prof. Dr. David Matusiewicz 
Dekan Gesundheit & Soziales und Direktor des Instituts für Gesundheit & Soziales der FOM Hochschule für Oekonomie & Management gGmbH, Essen 

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