Vernetzte Visionen verwirklichen, 3. bis 4. Mai 2016 in Berlin, Langenbeck-Virchow-Haus
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22.04.2021

Delegieren muss man können

Lösungen zum Arztmangel im ländlichen Raum

Delegation ist das Schlüsselwort für die Arztpraxis der Zukunft im ländlichen Raum. Interdisziplinäre Zusammenarbeit und ein kluger Einsatz der Telemedizin sind gefragt. 

Überalterung der Hausärzte, riesige Patientenzahlen, weite Wege, zunehmende Facharzt-Aufgaben – Dr. Volker Eissing hat früh auf diese Herausforderungen des Landarztdaseins reagiert und seinen Betrieb in den letzten 25 Jahren komplett umgebaut. Es entstand ein Versorgungszentrum mit mehr als 150 Beschäftigten. Darunter sind - fünf Allgemeinärzte, ein Unfallchirurg und eine Neurologin. Sie behandeln 18.200 Fälle pro Quartal, davon 12.300 hausärztliche. Chronisch erkrankten Papenburgern stehen elf Spezialambulanzen zur Verfügung, unter anderem für Diabetes, Hypertonie, Herzinsuffizienz, Asthma, chronische Schmerzen und Multiple Sklerose. Hinzu kommen ein ambulanter Pflege- und ein Palliativdienst. Ganz wichtig auf dem Land: Pro Quartal werden 1.500 Hausbesuche absolviert.  

Nicht-ärztliches Personal macht’s möglich 

Möglich wird dies alles durch Medizinische Fachangstellte (MFA) und nicht-ärztliche Praxisasistentinnen (NÄPAs). Eissing und seine Kollegen sorgen für die gezielte Weiterbildung interessierter Mitarbeiterinnen und ermöglichen einigen sogar ein Bachelorstudium zum Physician Assistant an der staatlichen Hochschule Sachsen-Anhalt. Danach erhalten sie alle ein Aufgabengebiet, in dem sie eigenständig teils mehrere hundert Patienten betreuen. Dazu gehören seit neuestem auch ein Labor und ein Projekt zur dermatologischen Versorgung auf dem Land. „Sie glauben nicht, wie sich unsere MFAs durch das Studium verändern“, erzählt Eissing. „Sie sind einen Meter größer, wenn sie mit dem akademischen Titel zurückkommen.“ 

Die Stolpersteine – Standesrecht und Haftung 

Landauf, landab dasselbe Bild: Hausärzte arbeiten bis lange nach der Pensionsgrenze, finden keine Nachfolger, geben auf. Seit 2010 ist die Zahl der Einzelpraxen um zwölf Prozent gesunken. Wer nach Auswegen sucht, landet bei ähnlichen Lösungen: Delegation und Telemedizin. Und auch die Hindernisse gleichen sich. So hat Volker Eissing den BA-Studiengang selbst initiert, weil nur die akademische Qualifizierung seiner Mitarbeiterinnen haftungsrechtliche Sicherheit versprach.  

Ohne Arzt und doch mit Arzt 

Auch Dr. Tobias Gantner, Geschäftsführer der Agentur Healthcare Futurists und der PhilonMed GmbH, war zu kreativen Ideen gezwungen: Er überführte sein Delegationssmodell in eine MVZ-Struktur, weil „die KBV uns sagte, dass wir außer Blutdruckmessen und Hallo sagen nichts tun dürfen.“ Gantner hat keine Scheu, zu provozieren. Im November 2019 eröffnete er im baden-württembergischen Spiegelberg die erste „OhneArzt Praxis“ Deutschlands. Mittlerweile ist eine weitere dazugekommen. „Der Name macht Angst“, räumt Gantner freimütig ein. Er klingt nach der gefürchteten Verödung auf dem Land, steht für ein Gefühl des Zurückgelassenseins in der Bevölkerung. Doch genau diesem soll die OhneArzt-Praxis entgegenwirken.  

Die Skepsis war groß 

Zur Eröffnung schlug Gantner Skepsis entgegen, von Seiten der Patienten, weil sie zurück wollten zum „richtigen“ Arztbesuch, von Seiten vieler Ärzte, weil sie um ihren Umsatz fürchteten. „Es ist ein Mythos, dass wir den Praxen Geld wegnehmen“, wehrt sich Gantner. Man wolle im Gegenteil unter den Bedingungen des Ärztemangels die  gewohnten Versorgungsstrukturen am Ort erhalten. In Spiegelberg sieht das so aus, dass MFAs die Patienten empfangen und Voruntersuchungen durchführen. Zur eigentlichen Konsultation wird der Arzt oder die Ärztin aus dem Nachbarort per Bildschirm hinzugeschaltet. „Etwa 60 Prozent der Fälle können wir auf diese Weise lösen“, berichtet Gantner. Gelingt das nicht, folgt ein analoger Arztbesuch. Die einsetzende Corona-Krise machte die Vorteile des Systems besonders deutlich: Ob Quarantäne oder nicht, die Ärzte konnten abrechenbare Behandlungen durchführen. Daher wird das System jetzt ausgebaut. In Spiegelberg soll es demnächst auch eine OhneFacharztPraxis geben. 

Wandel am Wattenmeer 

Einen ähnlichen Weg beschritt Thomas Rampoldt in Büsum. Hier stand eine Zukunft ohne medizinische Ansprechpartner unmittelbar vor der Tür – mit fünf Hausarztpraxen, deren Inhaber alle die 60 längst überschritten hatten. In dieser Situation schlossen sich vier der fünf Ärzte zusammen und holten die Gemeinde als Partner ins Boot. Im April 2015 entstand das bundesweit erste Versorgungszentrum in kommunaler Hand. Inzwischen sind hier sechs Ärztinnen und Ärzte beschäftigt – Durchschnittsalter 41 Jahre. 

Telemedizin in allen Facetten 

Telemedizin spielt auch in Büsum eine große Rolle. Fachärzte werden mittels Telekonsilen hinzugezogen. Hausarzt oder -ärztin sitzen mit im Raum, sind sofort informiert und können die Behandlung dann nahtlos fortsetzen. Viele Aufgaben werden wie in Papenburg und Spiegelberg von NäPas und MFAs übernommen. Sie kommen zum Beispiel mit dem Telerucksack zu den Patienten nach Hause, führen Messungen durch und senden die Ergebnisse an das Ärztezentrum. 

Ohne Delegationsmodelle wird die ärztliche Versorgung auf dem Land künftig nicht mehr möglich sein, sind sich alle drei Gründer einig. Sie fordern unisono, dass die Delegation bald final juristisch geklärt wird. Und die Patienten? Sie brauchten Zeit, sich umzugewöhnen. Aber heute wollen sie, wie die Ärzte, die neue Versorgungsform nicht mehr missen. „Man muss die Vorteile nur ganz praktisch erleben“, ist Rampoldt überzeugt. 

Kontaktinformationen

Einzelpraxis vs. Gesundheitsunternehmen – welche Trends sind erkennbar? 

Dr. Volker Eissing 
Geschäftsführer der MVZ Birkenallee GmbH, Papenburg 

Moderation 

Dr. Ursula Hahn 
Geschäftsführerin der OcuNet GmbH & Co. KG, Düsseldorf 

Wohnortnah: Ärztliche Versorgung der Zukunft 

Dr. Tobias D. Gantner, MBA, LL.M. 
Gründer und Geschäftsführer der HealthCare Futurists GmbH, Köln 

Thomas Rampoldt 
Geschäftsführer der Ärztezentrum Büsum gGmbH und der Ärztegenossenschaft Nord eG, Bad Segeberg 

Moderation 

Dr. Peter Voß 
Referent im Gesundheitsmanagement der BERLIN-CHEMIE AG, Lichtenstein 

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