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31.03.2021

Apps auf Rezept

Erfahrungen aus Herstellersicht

Im Herbst 2020 wurden die ersten Apps ins DiGA-Verzeichnis aufgenommen. Mit Sabrina Kühn und Dr. Philip Heimann berichten zwei Anbieter von ihrem Weg zur Zulassung, über Vertriebsaufbau und Preisverhandlungen.

Die Software deprexis bietet ein Online-Therapieprogramm für Menschen mit leichten bis mittelschweren Depressionen und ist schon seit etlichen Jahren am Markt. Ärzte und Psychotherapeuten setzen das Programmergänzend zu ihrer Behandlung ein. Die Software führt einen virtuellen Dialog mit den Betroffenen und hilft ihnen so, die eigene Situation besser zu verstehen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Strenge Prüfung von Evidenz und Nutzen

Als die Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) gesetzlich zugelassen wurden, habe man sich sofort um die dauerhafte Aufnahme ins DiGA-Verzeichnis beworben, berichtet Sabrina Kühn, Strategic Project Manager Digital Health Applications bei der Vertriebsgesellschaft Servier: „Wir mussten nicht mehr in die Erprobung gehen.“ Die Wirksamkeit war in zahlreichen Studien bereits gut belegt. Das allerdings habe den Aufnahmeprozess auch zu einer Herausforderung gemacht: „Wer viel Evidenz hat, muss auch viele Fragen beantworten.“ Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) habe sich die Studien sehr genau angesehen und geprüft.

Im Fast-Track-Verfahren ins DiGA-Verzeichnis

Ähnliches berichtet Dr. Philip Heimann, Geschäftsführer und Mitgründer der Vivira Health Lab GmbH. Sein Produkt hat er im Fast-Track-Verfahren zur vorläufigen Aufnahme und Erprobung angemeldet. Im Aufnahmeprozess habe das BfArM sehr viele gute, nachvollziehbare Fragen gestellt. „Das war alles, wie man es erwarten würde von einem BfArM, das auf Qualität achtet.“ Das Vivira-Trainingsprogramm ist nun seit Ende Oktober 2020 gelistet. Es ist damit die erste App auf Rezept, die Bewegungsprogramme bei unspezifischen Rückenschmerzen sowie Knie- und Hüftarthrose anbietet. Auch sie wird ergänzend verordnet, parallel zur medikamentösen und Physiotherapie.

Ein Jahr zur Erprobung für Vivira

Vier Bewegungseinheiten täglich bietet die App, zu denen die Nutzer Rückmeldung geben: Wöchentlich protokollieren sie ihren Schmerzzustand und ihr Wohlbefinden, einmal im Monat wird die Bewegungsfähigkeit getestet. Aus diesen Rückmeldungen individualisiert sich das Training dann immer weiter auf den einzelnen Nutzer hin.

Die Studie zur Wirksamkeit von Vivira laufe inzwischen, berichtet Heimann. Nach Ablauf des Erprobungsjahres steht dann im Herbst die nächste Herausforderung an: die Preisverhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband.

Scharfe Preisverhandlungen zu erwarten

Mit deprexis seien sie vorerst zum gleichen Preis wie in den Jahren zuvor an den Markt gegangen, berichtet Sabrina Kühn: „Das erste Jahr ist freie Preisbildung.“ Danach müssen die Anbieter mit den gesetzlichen Krankenversicherungen verhandeln – und dass die sich keine Großzügigkeit erlauben, sei durchaus verständlich, erläutert Moderator Sebastian Vorberg, Vorstandssprecher des Bundesverbands Internetmedizin, denn: „Wenn eine Anwendung hunderttausendfach verordnet wird, dann wirken sich auch drei Euro Preisunterschied aus.“ Zugleich aber bedeutet die Listung als verordnungsfähige Anwendung einen kräftigen Anschub für den Absatz. deprexis sei schon immer über den Außendienst in den Arztpraxen vorgestellt worden, erklärt Kühn. Seit die App jedoch ins DiGA-Verzeichnis aufgenommen wurde, kämen zunehmend Patienten und Psychotherapeuten von sich aus auf das Unternehmen zu.

Ein Graben an Informationsdefizit

Auch zu Vivira laufe die Nachfrage an, berichtet Dr. Philip Heimann. Die größte Hürde sei jedoch gar nicht der Vertrieb im klassischen Sinne, sondern der „Graben an Informationsdefizit“, der sich in den Praxen auftue. Das fange schon beim Begriff DiGA selbst an und setze ich fort in Fragen wie: „Wie funktioniert die DiGA in der Verordnung? Wo finde ich sie im Praxisverwaltungssystem? Was bedeutet das für meine Budgets und Regresse?“ Sein Unternehmen lege den Fokus deshalb darauf, Ärzten und ihren Teams erst mal die DiGA selbst zu erklären und erst dann auf Vivira und deren praktische Anwendung zu sprechen zu kommen.

Kontaktinformationen

Praktikerforum DiGA: Erste Erfahrungen zum Einsatz in der Praxis

Sabrina Kühn
Strategic Project Manager Digital Health Applications
SERVIER Deutschland GmbH, München
www.servier.de

Dr. Philip Heimann
Geschäftsführer und Mitgründer der Vivira Health Lab GmbH, Berlin
www.vivira.com

Moderation

Sebastian Vorberg
Vorstandssprecher des Bundesverbands Internetmedizin e.V.
Gründer und Partner der Kanzlei Vorberg law, Hamburg
www.bundesverbandinternetmedizin.de

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